15.12.2025 – Anlässlich der „European Ceramic Days“ vom 1. bis 3. Dezember 2025 diskutierten Branchenführer der Keramikindustrie aus ganz Europa mit Abgeordneten des europäischen Parlaments und Vertretern der EU-Kommission die Frage, wie sich im aktuellen regulatorischen und geopolitischen Kontext ein stabiles wirtschaftliches Umfeld fördern lässt.
Hoher Kostendruck durch Regulierung und Energiepreise

Grafik: Cerame-Unie
Die Not und die Herausforderungen der Industrie sind groß, wie eine vom europäischen Dachverband Cerame-Unie präsentierte Kostenanalyse vor Augen führt. Denn die kumulative Darstellung der Regulierungskosten macht die dringende Notwendigkeit sofortiger Maßnahmen deutlich, um die akut gefährdete Wettbewerbsfähigkeit und globale Position zu sichern.
Nach Berechnungen der Cerame-Unie steigen bis 2030 allein die Belastungen durch steigende Energiepreise, verschiedene regulatorische Kosten sowie die CO2-Bepreisung und im europäischen Durchschnitt um ca. 30 – 40 %.
Bedeutung der Keramikindustrie für Wertschöpfung und Arbeitsplätze
Die Keramikindustrie produziert eine breite Palette hochwertiger und nachhaltiger Produkte „made in Europe“, schafft lokale Wertschöpfung und bietet über 200.000 direkte Arbeitsplätze in Europa. Im Vergleich zu 2021 verzeichnet der Sektor bereits einen Produktionsrückgang von 30 %, begleitet von einem Rückgang der Handelsbilanz um 50 % und einem Verlust von 10 % der Arbeitsplätze.
Während übermäßige Regulierung Innovationen und die lokale Produktion hemmt, wird die geschätzte Gesamtkosteninflation von 30–40 %, die insbesondere auf unerträglich hohe und beispiellose Energie- und CO₂-Preise zurückzuführen ist, die Verlagerung der Produktion aus Europa in den nächsten Jahren beschleunigen, wenn sie nicht dringend angegangen wird.
Unverzichtbare Produkte für nachhaltige Entwicklung
In vielen Bereichen treffen die überambitionierten Klima- und Umweltziele der EU also ausgerechnet eine Branche, deren Produkte in vielen Bereichen unverzichtbar sind oder eine entscheidende Rolle bei der Förderung nachhaltiger Lösungen spielen – zum Beispiel im Bereich der Bau- und Sanitärkeramik, der feuerfesten Materialien oder der technischen Keramik, die Anwendung in der Elektronik, im Fahrzeugbau oder der Medizintechnik findet. Ohne Anpassungen dieser Regulatorien steht nicht nur die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Keramikindustrie auf dem Spiel, sondern schlicht ihr Überleben.
Deutsche Hersteller unter besonderem Druck
Deutsche Unternehmen sind besonders betroffen, weil die Energiepreise und Umwelt-Anforderungen auch im europäischen Vergleich auf höchstem Niveau sind. So mussten in den vergangenen Jahren mehrere Traditionshersteller aus den Reihen der Fliesenhersteller Insolvenz anmelden. Als Folge gehen lokale Arbeitsplätze verloren. Und es werden mehr Fliesen über weite Entfernungen mit hohen CO2-Belastungen aus dem Ausland importiert – mit einem deutlich höherem Klima- und Umweltimpact.
Umweltbilanz deutscher Fliesenwerke als Standortvorteil
Dabei erzielen deutsche Fliesenhersteller im europäischen und internationalen Vergleich Top-Werte hinsichtlich einer umwelt- und klimaverträglichen Produktion, wie die aktuelle EPD der Mitgliedsunternehmen des BKF ausweist: Für fast alle Umweltparameter erzielen heimischen Werke Bestnoten. Auch unter diesem Gesichtspunkt sollte alles getan, werden, um die Fliesenherstellung in Deutschland zu halten.
Politische Signale und erste Entlastungsansätze
Der Austausch in Brüssel zeigt, dass diese Probleme inzwischen erkannt werden. Erfreulich sind daher die ersten Bemühungen der Bundesregierung zur Entlastung bei den Energiekosten. Hier sollten die Möglichkeiten in vollem Umfang ausgeschöpft und erweitert werden.
Investitionen in Dekarbonisierung brauchen verlässlichen Rahmen
Mit enormen Investitionen hat sich die europäische Keramikindustrie bereits auf den Pfad der Dekarbonisierung begeben. Um die angestrebte Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, benötigen die überwiegend mittelständischen Unternehmen aber dringend einen stabilen und fairen Regulierungsrahmen sowie erhebliche Investitionen und den Zugang zu bezahlbarer Energie und Strom, um den Übergang erfolgreich zu gestalten.
Konkrete Forderungen an die EU-Regulierung
Cerame-Unie fordert eine weitere Vereinfachung des EU-Emissionshandels-Systems (EU-ETS), insbesondere im Hinblick auf die Bedürfnisse kleiner Emittenten, die Ausweitung des Ausgleichs indirekter Kosten und die Aussetzung der Reduzierung der kostenlosen CO₂-Quoten ab 2026.
Zu den weiteren dringenden Maßnahmen gehören die Senkung und Stabilisierung der Strompreise, die Gewährleistung eines fairen und vereinfachten Zugangs zu europäischen Fördermitteln für Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie die weitere Reduzierung des gesamten regulatorischen und administrativen Aufwands, insbesondere für KMU und kleine mittelständische Unternehmen.
Appell der Keramikindustrie an die EU-Politik
Wie Heimo Scheuch, Präsident von Cerame-Unie und CEO der Wienerberger AG, betont: „Die aktuelle Industrie- und Energiekrise erfordert Sofortmaßnahmen, darunter eine kurzfristige Überprüfung des ETS im Rahmen eines Omnibus-Vorschlags. Um in eine nachhaltige Zukunft investieren zu können, braucht die Industrie diese Maßnahmen jetzt.“
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch Bürokratieabbau
Neben der Vereinfachung dieser Regelsetzungen verhilft auch ein zügiger Abbau des bürokratischen Aufwands der deutschen Keramikindustrie zu einer nachhaltigen Perspektive.